Ökumenische Andacht Fronleichnam

An Fronleichnam fand eine Ökum. Andacht auf dem Johannisplatz mit Dekan Kloker und Dekanin Richter statt zum Motto des diesjährigen Ökum. Kirchentags auf- „Schaut hin!“ aus Markus 6,34-44, die Speisung der 5000. Beide Dekane sagten, die Zeit sei reif, dass die Christen am Tisch des Herrn vereint feiern können. Es folgen die beiden Ansprachen:

Dekanin Ursula Richter:
Schwestern und Brüder, „schaut genau hin!“ auf die Speisung der 5000. Als einziges wird dieses Wunder in sämtlichen 4 Evangelien berichtet. Mk. 6, 38 sagt Jesus seinen Jüngern: geht und schaut hin, was ihr habt, um das hungrige Volk zu speisen.
Manchmal sieht es mager aus mit dem, was man in Händen hält. Zumal im Jahr der Pandemie. Erschöpfung und Mangel an sozialen Kontakten, Existenznöte, Krankheit und Sterben haben überall den Menschen zugesetzt. Der Kirche weht rauer Wind ins Gesicht. Wie geht es weiter mit unsern Gemeinden nach der Pandemie- wann ist überhaupt „nach der Pandemie“? Monatelang nahm der Kirchenbesuch ab. Chöre und Gruppen kamen zum Erliegen. Was wird bleiben? Wird Neues wachsen? Sind wir dafür bereit?
Reformbestrebungen wie Maria 2.0 bei den Katholiken und Prozesse wie „Pfarrdienst neu denken“ bei der evang. Kirche drängen auf nötige und überfällige Veränderungen. Dazu zehren die Missbrauchsfälle an der Glaubwürdigkeit der Kirche und fordern heute unsere Glaubwürdigkeit in Worten und Taten. Und insgesamt gesehen haben die Kirchen nicht mehr die Stellung wie Jahrhunderte vorher. Bischof Schönherr von der Berlin-Brandenburgischen Kirche, ein Freund Dietrich Bonhoeffers, fragte in DDR- Zeit, in der es die Kirche schwer hatte: Wann ist die Kirche stark, wann ist sie schwach; ist sie stark, wenn sie viel Geld und eine mächtige Stellung in der Gesellschaft hat, oder wenn sie für die Schwachen eintritt? Er antwortete selbst: „Die Kirche ist stark, wenn sie sich an Jesus Christus hält und ER in ihr Raum hat.“
Schaut hin, das ist eure Stärke und nichts anderes: Christus, der sich uns schenkt im Wort und im Brot des Lebens. Er ist das Brot des Lebens. Das ist wesentlich heute und in Zukunft: Ihm Raum geben, von ihm Maß und Mitte erhalten und erneuert werden. Sorgt euch nicht, euer Vater im Himmel, weiß was ihr braucht. Ihr wisst es nicht immer so genau. Ihr denkt, Ihr braucht jede Menge mehr. Doch schaut hin, was euch gegeben ist! Vertraut jeden Tag neu. ER ist es, der Mangel verwandelt in Segen. Ihm in die Hände legt das Wenige und weniger Werdende. Euch selbst. Eure Gemeinde. Eure Kirche. Diese Welt.
Es wurde uns während der Pandemie so sehr bewusst. Wie schnell ist einem selber alles Mögliche aus der Hand genommen. Wie wenig die nächste Zeit planbar. Und wie sehr wurden ganz einfache Dinge plötzlich wertvoll. Der Spaziergang im nahen Wald. Das Treffen mit einer einzigen anderen Person. Die Gottesdienste mit Abstand, Maske, ohne Singen. Und auch die wunderbaren ökumenischen Erfahrungen in der ganzen zurückliegenden Zeit jetzt, die enge Verbundenheit, die zu spüren war/ ist. Hätten Sie gedacht, dass wir mal gemeinsam Heiligabend auf dem Münsterplatz feiern, eine gemeinsame Liturgie für den Karfreitag finden, ein rotes Band zu Pfingsten vom Münster zur Augustinuskirche spannen? Das Einfache, das Grundlegende wurde uns in dieser Zeit so wertvoll. Und wir entdeckten, wie viel das ist!
Auch das Brot, das Lebensbrot ist so eine einfache grundlegende Sache. Es gemeinsam zu teilen wäre an der Zeit. Es ist ja der Leib Christi, den Sie heute in Ihrer Kirche in besonderer Weise verehren- und wir mit Ihnen, als ein Leib Christi in der Welt. Viele sehnen sich danach, dass wir unkompliziert- glaubend, hoffend, liebend- das Brot des Lebens teilen könnten. Dass die Gastfreundschaft ganz offiziell, von Herzen erlaubt sei. Christus lässt sich in keine Mauern und Dogmen einsperren. Der Geist weht, wo ER will. Das macht uns bescheiden in unserer jeweiligen Konfession, auch unter den Religionen und allen Menschen gegenüber.
Auch wenn wir das notwendige Lebensbrot noch nicht gemeinsam teilen können/dürfen, soll das Band der Liebe unsre Sehnsucht und unser Arbeiten dafür wachhalten.
Die in allen 4 Evangelien überlieferte Brotvermehrung lässt uns unsere gemeinsame Berufung erkennen. Vertraut das Wenige Jesu Händen an. Es wird für alle im Überfluss reichen. Wer hinschaut, wird überrascht, was es an Ressourcen, Talenten und Möglichkeiten, an Widerstandskraft und Erneuerungskraft, an Hoffnung und Zuversicht gibt.
In Jesu Händen sind fünf Brote und zwei Fische mehr als genug. Vertrauen auf Gottes Kraft korrigiert unseren ängstlichen Blick und lässt uns nicht einfach Festhalten an dem, was wir in Händen halten.
Der Herr lässt sich nicht einsperren. Er ist draußen zu finden, vornehmlich unten. „Wenn Du wirklich wissen willst, wie Gott kommt“, sagte der evangelische Theologe Helmut Gollwitzer, „dann musst du dort hinschauen, wo verachtete Winkel sind, wo marginalisiert wird, wo ausgestoßen wird, zu den schlimmsten Ecken, da unten ist Gott. Getreten, machtlos, liebend kommt er von ganz da unten her.“ In Worten und Zeichen von Papst Franziskus sehe ich dies immer wieder aufleuchten. Gott kommt von unten, vom Volk, von den Tiefen. Da ist der Ort der Kirche. Lasst uns hinschauen, was wir haben- gemeinsam haben-, das hungrige Volk zu speisen! Amen.


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Dekan Robert Kloker:
Liebe Schwestern und Brüdern in Christus!
„Schaut hin!“ – Unter diesem Motto stand der ökumenische Kirchentag in Frankfurt vor wenigen Wochen, der leider coronabedingt fast ausschließlich per Video-Übertragung zu erleben war. Dieses Motto stammt aus der biblischen Geschichte im 6. Kapitel des Markusevangeliums im Zusammenhang mit der sog. Speisung der Fünftausend, besser bekannt als Geschichte der Brotvermehrung. Viele Menschen folgten Jesus, sie wurden schließlich hungrig. Seine Jünger wollten sie wegschicken, er aber sagte: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Und dann fragte Jesus die verdutzten Jünger: „Wie viele Brote habt ihr? Geht und seht nach!“ – Und siehe, die fünf Brote und die zwei Fische reichten schließlich, um alle zu sättigen und es blieb noch übrig.
Diese biblische Geschichte lädt immer wieder zum Innehalten ein. Heute aber darf der Blick vor allem auf das Wort Jesu: „Geht und seht nach!“ oder wie es das Kirchentags-Motto formuliert: „Schaut hin!“ gerichtet sein.
„Schaut hin“ – Darin erkenne zunächst den Auftrag Jesu auch an uns heute, die Wirklichkeit ernst und wahrzunehmen. Wie nehme ich meine Welt und Umwelt, wie nehme ich die Menschen darin wahr? Und dann vor allem: Was sind unsere Ressourcen, was haben wir zum Teilen, zum Anbieten, zum Gestalten. Die Brotvermehrungsgeschichte macht sehr viel Hoffnung. Auch wenn es nur wenig erscheint, was vorhanden ist, im Teilen und im Vertrauen auf Gott  kann viel daraus wachsen. Was manchmal als nur „mickrig“ erscheint, entpuppt sich beim richtigen Gebrauch und der richtigen Verwendung als wahrer Segen.
„Schaut hin“ – Im Blick auf den ökumenischen Kirchentag und auf unsere Ökumene generell heißt das auch, achtet nicht gering, was wir schon miteinander erreicht haben. Seid dankbar für die Schätze des Glaubens, die uns gemeinsam gegeben sind. Freilich: Gerade der heutige Fronleichnamstag, an dem die katholischen Christen besonders den Leib und das Blut Christi in der Eucharistie verehren, macht uns auch schmerzlich wieder bewusst, dass wir leider am Tisch des Herrn noch nicht vereint sind. Die Eucharistie, oder das Abendmahl, wie unsere evangelischen Glaubensgeschwister sagen, ist das Sakrament  der Einheit, es bezeichnet die Einheit, aber es stiftet auch von neuem die Einheit im Glauben. Und leider ist uns diese Einheit am Tisch des Herrn bislang verwehrt.
„Schaut hin“ – Das heißt für mich gerade heute, diese Sehnsucht und diesen Schmerz auch wieder ins Wort zu fassen, dass diese offene Wunde der Christen noch nicht geheilt werden konnte. Leider wurde dies auch beim ökumenischen Kirchentag wieder sichtbar. „Schaut hin“ – Könnte das nicht auch heißen, schaut noch einmal genauer hin, ob alles was bisher als wichtig angesehen wurde, auch weiterhin Gültigkeit haben muss…. Könnten nicht vielleicht die vorhandenen Ressourcen, also das Verbindende, nicht auch schon ausreichend sein, um sich am Tisch des Herrn gemeinsam versammeln zu können??? – Darauf haben vor einiger Zeit – im Vorfeld des ökumenischen Kirchentages -  zahlreiche evangelische und katholische Theologinnen und Theologen aufmerksam gemacht … Sollte Ihnen nicht mehr Gehör geschenkt werden?
Ich möchte diese Fragen heute zumindest wieder einmal stellen dürfen….
Amen.