Christen und Populismus

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Dekanin Ursula Richter und Dekan Robert Kloker

Ein Gespräch mit Dekanin Ursula Richter und Dekan Robert Kloker

An keinem anderen Land lässt sich eine so tiefe Spaltung der Gesellschaft beobachten, wie in den USA. Menschen, die den sozialen Gedanken aus den Augen verloren haben, die zuerst an sich selbst denken, die eine demokratische Entscheidungsfindung boykottieren, Wahrheiten missachten und Lügen deshalb folgen, weil sie dem entsprechen, was sie hören wollen.  Dennoch: Es gibt diesen nicht unerheblichen Anteil in der Bevölkerung. In den USA und auch bei uns. Die Pandemie und rechtes Gedankengut spaltet auch bei uns das Land. Populistische Gedanken werden laut. Sind das alles Spinner? Kann man es damit abtun?

Wie verhalten sich Christen gegenüber solchen Menschen?

Dekan Robert Kloker: Ich tue mich ganz ehrlich schwer damit, wenn Menschen plötzlich offenbaren, dass sie an Verschwörungstheorien glauben oder radikale Ansichten, zum Beispiel in der Flüchtlingspolitik, haben. Ich versuche dann immer in den offenen Diskurs zu gehen und meinen Standpunkt klar zu machen.

Dekanin Ursula Richter: Auch ich komme da schnell an meine Grenzen und zwar deshalb, weil ich das Gefühl habe, es stoßen zwei Welten aufeinander. Es gibt fast kein Aufeinanderzugehen mehr. Diese „anderen Wahrheiten“ stammen aus Fake-News, aus verdrehten Fakten, die Köpfe werden durch Unwahrheiten regelrecht verdreht. Da hat man mit dem, was der seriöse Journalismus berichtet, wenig Chancen.

Sollte sich die Kirchen gerade in diesem Bereich klar äußern?

Dekanin Ursula Richter: Ja selbstverständlich! Und das tun Dekan Kloker und ich auch mit dem Statement zu der AFD-Versammlung am kommenden Sonntag in Schwäbisch Gmünd. Wir gehen beide nicht auf die Demonstration, weil wir die Kontaktbeschränkungen einhalten. Aber es ist wichtig, um der Wahrheit und Werte willen, klar zu ihnen zu stehen, wie auch in der Bibel beschrieben: „Die Wahrheit wird euch freimachen.“ (Anmerkung der Autorin: aus Johannes-Evangelium Kapitel 8, Verse 31-32)

Trotzdem darf man den Menschen und deren Motivation nicht aus dem Blick verlieren…

Dekanin Ursula Richter: Es ist sehr wichtig, die Meinung und die Person zu unterscheiden und jedem Menschen, wie es Jesus vorgelebt hat, mit Demut, Empathie und Achtung gegenüberzutreten.

Dekan Robert Kloker: Auch die Propheten im Alten Testament haben sich klar und deutlich positioniert. Klarheit ist die größere Barmherzigkeit. In jeder Begegnung und jedem Diskurs ist es wichtig auszuloten, inwieweit Kompromiss oder Konsens möglich und auch sinnvoll sind. Letztlich muss man aber auch eine klare Position einnehmen, wenn es um der Wahrheit einer Sache wegen so gefordert ist und die Stimme des Gewissens es so gebietet.

Dekanin Ursula Richter: Hinter populistischem Gedankengut stehen oft auch Ängste, Unsicherheiten und Nöte. Das darf man nicht aus dem Blick verlieren. Wir können nichts anderes tun, als immer wieder auf die Wahrheit zu lenken und die christliche Botschaft, dass in jeder Gesellschaft Gerechtigkeit und Gemeinwohl im Zentrum stehen müssen.

21.01.2021/Dekanat Ostalb/Schwenk

Statement von Dekanin Richter und Dekan Kloker

Als Vertreterin und Vertreter der beiden großen Kirchen und persönlich Unterstützende des Bündnisses gegen Rassismus von Anfang an melden wir uns anlässlich der AFD- Versammlung am Sonntag 24.1.21 im Gmünder Stadtgarten zu Wort.

Wir sehen, dass Hass und Verschwörungstheorien heute den Verstand von immer mehr Menschen vernebeln und ein Gespräch über Fakten immer schwieriger wird. Die AFD erleben wir als eine politische Bewegung und Partei, die dies nicht verhindert, sondern die Spaltung vertieft. Persönliche Not und Notlagen von Menschen- verstärkt durch Corona- werden vielfach bewusst genutzt und irregeleitet. Immer mehr Menschen erleben sich als Verlierer*innen der gesellschaftlichen Entwicklungen. Zusätzlich führt die Pandemie viele in die Angst. So manches Querdenken und Coronaleugnen ist unserer Meinung im Kern Ausdruck dieser Angst.
Der Grat ist schmal, auf dem Grundrechte zu Recht eingefordert werden und doch gleichzeitig von manchen genutzt wird, um „das System“ -die Demokratie!- zu schwächen.
Freiheit kann nicht ohne die gelebte Verantwortung füreinander zum Wohl aller führen. Dies führt uns die Pandemie täglich vor Augen.
Hass, Rassismus und Antisemitismus erfahren große Verbreitung im Netz und auf der Straße. Wir können nicht erkennen, dass sich die AFD davon deutlich distanziert und deren Wurzeln bekämpft.
Dagegen nicht zu widersprechen, kann heute als Duldung, gar Zustimmung gedeutet werden. Wozu Fakes und Lügen führen, haben uns der tatsächlich abgewählte Präsident Trump und zuletzt der Sturm aufs Kapitol, aber auch der „Sturm“ auf den Reichstag gezeigt. Demokratien sind heute ernsthaft gefährdet.

All dies mag Anlass geben zum Nachdenken von AFD- Wählerinnen- und Wählern, die den demokratischen Parteien nur einmal einen Denkzettel geben wollten. Diese Partei hat bis heute keine klare Absage an rechtsextremes und Nazi- Gedankengut erteilt. Die Grenzen des Sagbaren haben sich längst verschoben zum Übel. Und aus Worten wurden Taten. Es gibt in unserem Land inzwischen genug traurige Belege für die brutalen Konsequenzen des Gifts, das rechtspopulistische und rechtsextreme Kreise zu streuen versuchen.

Der gesellschaftliche Zusammenhalt braucht die Klarheit der demokratischen Parteien, ihre Kritik- und Dialogfähigkeit ganz dringend, und das Zusammenstehen der Menschen über Religionen und Herkunft hinweg. Unser gesellschaftliches Miteinander ist heute mehr denn je angewiesen auf Nüchternheit, Wachsamkeit und Besonnenheit. Dazu gerechten Ausgleich der Lasten. Die Spaltung einer Gesellschaft braucht zur Heilung immer auch deren Mut zu Gerechtigkeit und Gemeinwohl. Und die Botschaft, dass jeder Mensch- unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion, Fähigkeiten, Alter und Vermögen- Würde und Wert hat und gebraucht wird. Wir haben heute alle miteinander Zusammenhalt statt Spaltung zu fördern. Hier und weltweit. Das ist unser aller Aufgabe. Dazu brauchen wir alle guten Mächte.

Wir vertrauen auf Gott und seinen guten Geist: „Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Tim. 1,7)

Dekanin Ursula Richter und Dekan Robert Kloker